| Bürgermeisterin hofft auf Folgeprojekt der EU: Ausbildung der Lehrkräfte Das Rennen ist so gut wie gelaufen. Das beim Stadtsportbund angesiedelte Pilotprojekt ,Job & Sports‘ befindet sich in der Schlussrunde. Die Resultate des bis Februar 2006 angelegten ehrgeizigen Projekts der Europäischen Union im Rahmen des Aktionsprogramms ,Leonardo da Vinci‘ liegen bereits in Form eines Handbuches und einer Dokumentation der Forschungsergebnisse vor. SSB-Projektleiterin Claudia Tunsch („Viele junge Menschen haben von dem Projekt profitiert“) darf tief durchatmen. Ihre gemeinsam mit den Partnern aus Schio/Vicenza, Ljubljana und Madrid im Saal des Neuen Rathauses präsentierte Arbeit der zurück liegenden drei Jahre fand den ungeteilten Beifall der Anwesenden. Nur einer bekam nichts vom Applaus ab: der französische Partner aus Montpellier. Er war Opfer des Streiks in seinem Landes geworden.
Gekommen war hingegen die Vizepräsidentin des Landessportbundes Niedersachsen, Dr. Michaela Czech. Sie begann ihre Ausführungen mit einem Lob für alle Projektbeteiligten und unterstrich die in der Dokumentation von Professor Dr. Jürgen Schröder (wissenschaftlicher Begleiter) und Claudia Tunsch getroffene Feststellung mit den Worten: „Der Sport kann viel, aber nicht alles. Er ist kein Allheilmittel. Gleichwohl stellt der Sport ein Feld dar, auf dem Jugendliche körperliche, soziale und emotionale Erfahrungen in einer solchen Dichte und Intensität erleben wie kaum in einem anderen Lebensbereich.“
Die LSB-Vizepräsidentin und die ihr nachfolgenden Redner machten deutlich, dass der Sport indes nur dann ein erfolgreiches Medium sein kann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen und es zusätzlich zu einer Vernetzung mit Partnern aus anderen Lebensbereichen kommt. „Eingebundensein in das pädagogische Gesamtkonzept“ nannte es Barbara Nägele vom Zoom-Institut für prospektive Entwicklungen in Göttingen. Für sie und ihren Kollegen Nils Pagels sei es schwierig gewesen, „die soziale Kompetenz und die Veränderungen zu messen. Daher können wir nicht klar sagen, ob das Projekt sein Geld wert ist“. Es habe zu unterschiedliche Ausgangspositionen in den fünf Ländern gegeben. Folglich sei ein wissenschaftlicher Nachweis nicht zu erbringen. Gleichwohl könne die Idee funktionieren. Es sei wichtig, vor allem „erlebnispädagogische Elemente“ in Form von „mehrtägigen Outdoor-Aktivitäten“ anzubieten. Dort würden die Jugendlichen beiderlei Geschlechts wesentliche Erfahrungen für sich selbst und in der Gruppe außerhalb ihrer pädagogischen Institution gewinnen.
Eine dieser wertvollen Erfahrungen, so Barbara Nägele, sei neben der eigenen Körperwahrnehmung der Aufbau eines Selbstwertgefühls: „Es ist ein Schlüssel für die soziale Integration.“ Mit Blick auf die Arbeitswelt hatte Stadtsportbund-Vorsitzender Professor Dr. Jürgen Schröder zuvor unter anderem ausgeführt: „Schlüsselqualifikationen sind wichtige Voraussetzungen, die den Eintritt in den Arbeitsmarkt günstig beeinflussen können.“
Sporttrip bringt Mädchen zum Sprechen
Göttingens Bürgermeisterin Katharina Lankeit artikulierte in ihrer Grußansprache als Erste den Wunsch: „Ich hoffe, dass es ein Folgeprojekt mit der Ausbildung von Lehrkräften geben wird.“ Michaela Czech folgte umgehend mit einem weiteren: „Das Projektende ist nicht gleichbedeutend mit dem Problem erkannt und gelöst. Die Gesellschaft hat die Aufgabe, eine langfristige Etablierung solcher Angebote und Hilfestellungen für benachteiligte Jugendliche zur Verfügung zu stellen.“ Zustimmendes Kopfnicken der Slowenen Zoran Verovnik („Sport mit anderen kann ein ausgezeichnetes Medium sein“) und Dr. Gregor Starc. Letzterer wartete mit einem beeindruckenden Beispiel einer positiven Veränderung der Situation im Laufe des in der Schule angesiedelten EU-Projekts auf. Zwei junge Mädchen, die vergewaltigt worden waren, sprachen – so Gregor Strac - im Unterricht weder mit den Jungen der Klasse noch gingen sie auf die Fragen der Lehrkräfte ein. Ein Sporttrip der Klasse in ein Skigebiet ließ das Eis schmelzen. Die beiden Mädchen hätten offensichtlich Vertrauen gefasst und begonnen zu reden. Mit den Jungen und den Lehrern. Nach der Rückkehr erfolgte eine aktive Teilnahme am Unterricht. Ein kameradschaftlich entspanntes Verhältnis habe sich zwischen den Jugendlichen entwickelt.
Eine Göttinger Outdoor-Geschichte aus dem im Ratssaal gezeigten aufschlussreichen 18minütigen Filmbeitrag: Beim Abseilen in der Wand wurde so manche anfangs gezeigte Angst überwunden. Am Ende hatten sich alle junge Frauen der Gruppe abgeseilt. „Ich habe den Mut in mir gefunden“, freute sich eine der Teilnehmerin. Eine zweite bekannte: „Das Herz hat geklopft.“ Aber nach Überwindung der ersten Kante „hat es Spaß gemacht. Ich möchte es noch mal ausprobieren“.
Sportliche Aktivität in einer außergewöhnlichen Umgebung – damit sind Jugendliche zu begeistern, die ansonsten wenig oder gar nichts von körperliche Betätigung und Gruppendynamik halten. So die Erfahrungen von Luis Moral (CES Don Bosco – College of Higher Education Madrid). Weitere: Abkehr von den tradierten Sportangeboten, dafür Abenteuer- und Fitnesssport anbieten. Sie seien die Renner. Es müsse eben ein „moderner Sportunterricht“ sein. Das beinhalte ferner die Aufgabe der traditionellen Lehrer-Schülerrolle.
Eine Dame im Plenum hörte besonders aufmerksam zu: Susanne Hollmann aus Brüssel. Sie sitzt im Sportreferat der Generaldirektorin für Bildung und Kultur der europäischen Kommission - und damit an einer Stelle an der der Zug ,Folgeprojekt’ auf die richtige Schiene gebracht werden könnte. Wenn‘s dann politischer Wille ist.
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